Ort:   Rathaus Bern
Datum:   Samstag 9. November 2019 / 09:15 - 16:00 Uhr

Bildung - Das Fundament der Wirtschaft - Wohin?

Martina Amato und Anna Martina Makiol

 

Martina Amato:

Ich bin ein optimistisch, positiv denkender Mensch.

Dies für jene, die mich nicht kennen, denn ihr werdet jetzt nicht unbedingt diesen Eindruck erhalten.

Heute möchte ich vor allem eines sein, klar und deutlich. Es ist so, dass ich mir, wie viele andere Menschen auch, immer wieder die Frage stelle: Was brauchen heute junge Menschen, welche Form von Bildung brauchen sie, damit sie in unserem Schulsystem nicht ablöschen, sondern stattdessen ihr Potential entfalten können. Und was brauchen Lehrpersonen, damit sie in unserem Schulsystem nicht ausbrennen und auch ihr Potenzial entfalten können. Denn ich habe festgestellt, dass immer mehr Menschen in unserem Schulsystem ablöschen, ausbrennen und krank werden. Es kommt nicht von ungefähr, dass wir einen hohen Lehrermangel haben.

Und jetzt haben wir die Wahl. Jede Stimme zählt. Wir können so weitermachen, oder wir beginnen zu handeln. Seit ungefähr 4 Jahren gehe ich dieser Frage nach. Im Hintergrund bin ich mit sehr vielen Menschen im Austausch: Mit Politikern, mit Kinderärzten, mit Therapeuten, mit Journalisten, Juristen, mit unzähligen Eltern und Lehrpersonen. Der Druck unserer Leistungsgesellschaft ist definitiv im Kinderzimmer angekommen. Nicht nur Erwachsene sind heute von Druck und Überforderung gekennzeichnet. Es gibt immer mehr Kinder und Jugendliche, die wirklich leiden und teilweise auch krank werden. Und diese Problematik ist nicht neu, die hat auch die Pro Juventute als landesweite Kampagne 2017 und 18 lanciert, unter dem Titel: „weniger Druck, mehr Kind“. Sie sensibilisiert das Thema in ihrer Kampagne und versucht Eltern, Lehrpersonen und Betreuer zu motivieren, umzudenken und zu handeln.

Ich stehe heute hier, weil ich mich für mehr Aufklärung und weniger Abklärung einsetze. Wir haben vermehrt Gefährdungsmeldungen von Schulen. Sie waren mit dem Latein am Ende, haben alles versucht. Es ging dabei oft um Jugendliche, die die Schule verweigerten.

In der Regel ist man sich ja gewohnt, wenn es um Gefährdungsmeldungen oder um KESB geht, dass da Sucht im Spiel ist, Gewalt, psychische Erkrankungen, oder Kinder vernachlässigt werden. Aber das war nicht der Fall. Schulverweigerungen werden häufiger genannt, im Fachjargon Schulabsentismus, das ist nicht mit Schule schwänzen zu vergleichen. Die Kinder werden immer jünger und es werden immer mehr. Sie werden krank, oder haben ablöschende Symptome. Bereits 2016 gab es genau zu diesem Thema einen Essay-Wettbewerb der Zeitung „der Bund”. „Stell dir vor, es ist Schule und alle wollen hin.” Es war eindrücklich. Es haben noch nie so viele Menschen an diesem Essay-Wettbewerb mitgemacht. Ich wurde dann zur Preisverleihung eingeladen. Der Chefredaktor Patrick Feuz meinte, es sei unglaublich, wie dieses Thema Bildung und Schule die Menschen mehr bewege, als die Themen Liebe und Tod.

Was ich auch noch erwähnen möchte, ist, dass wir in der Schweiz bereits 2015 gross in der Kritik des UNO Kinderrechtsausschusses waren. Und zwar geht es darum, dass wir viel zu viele ADSH Diagnosen haben und viel zu oft Ritalin an Kinder verschreiben. Ich möchte es als Denkanstoss erwähnen, dass es vor Schuleintritt praktisch keine ADSH Diagnosen gibt. Zum andern sind Ritalin und Concerta und ähnliche Medikamente nicht nur Arzneimittel, sondern ebenfalls Betäubungsmittel. Sie sind in unserem Betäubungsmittelgesetz verankert. In vielen andern Ländern, ist die Abgabe von Ritalin und ähnlichen Medikamenten an Kinder strikt verboten ist. Ein italienischer Apotheker hat mir erzählt, dass er geschockt sei, dass wir in der Schweiz Ritalin an Kinder abgeben.

Sehr nachdenklich hat mich gestimmt, als eine Mutter mir erzählte, dass die Kinderärztin gesagt hat: „Wenn sich in unserem Schulsystem endlich etwas ändern würde, hätten wir in den Kliniken 50% weniger Arbeit“. Ich war geschockt, als ich feststellte, dass die Sandwesten aus Deutschland in unseren Nachbars-Gemeinden Einzug gehalten haben. Das sind Sandwesten: sie sind ungefähr mit 6kg Sand gefüllt und gelten als pädagogisch anerkannte Massnahme bei Kindern, die zappeln und unruhig sind, damit sie sich besser konzentrieren können.

Was können wir machen? Wir können weiter Symptom-Bekämpfung betreiben oder den Ursachen auf den Grund gehen. Manchmal kommt es mir so vor, wie beim Spiel „das verrückte Labyrinth“, als hätten wir uns verirrt und die Spielregeln verloren.

Wollen wir unsere Kinder weiterhin in Diagnosen für krank erklären, nur um unsere Vergangenheit, unser Schulsystem rechtfertigen und aufrechterhalten zu können? Das Positive ist einfach, dass der Wandel überall im Gange ist, auch in der Bildung, ob das in öffentlichen Schulen ist, im privaten Bereich, auf politischer Ebene oder im familiären Umfeld. So ist auch die Akademie für Potenzialentfaltung sehr aktiv daran, Menschen zu vernetzen und sie setzt sich auch für ein selbstbestimmtes, freudvolles, potenzialentfaltetes Lernen ein.

 

Anna Makiol:

Ich möchte jetzt in die Freude und Leichtigkeit gehen, das entspricht mir jetzt.

Die Akademie für Potentialentfaltung baut auf die Basis der «Würde des Menschen». Gleichzeitig richtet sie sich aus, Würde gegenüber der ganzen Menschheit, des Planeten und des gesamten Lebens auf der Erde zu leben und entwickeln.

Und ich denke, jeder von uns ist ein kleiner Generator. (Bezug zu vorgehendem Vortrag).  Jedoch werden wir die Probleme der heutigen Zeit nicht mehr im Alleingang lösen können. Daher sind wir dankbar darüber, dass wir heute hier sein können, damit die Bildung und die Wirtschaft zusammenkommen. Es ist an der Zeit, dass wir den Weg des Wandels zusammen angehen. 

Was ist für die Menschheit die Wirtschaft? Sie erarbeitet (produziert) für den Menschen das, was er braucht, damit er «zufrieden» ist…. Und hier können wir neu denken und sehen auch bereits verschiedene Projekte, welche neue Wege gehen!

Wenn wir umdenken, ermöglicht die Wirtschaft das, was der Mensch / die Menschheit wirklich braucht, um in Würde - statt an einer sich selbst vernichtenden Oberfläche - zu leben. Es braucht die neue Ausrichtung in der Wirtschaft, in der Bildung und im Bewusstsein eines jeden Menschen, damit die neuen Ziele und Wege umgesetzt werden können. Ressourcenausbeutung und Materialismus lösen sich ab zu Gunsten von Lebensqualität und Lebenssinn.

Menschen in der Bildung haben die Aufgabe, Kinder und Jugendliche auf ein sinnvolles, weiterführendes «Leben aller in Würde» vorzubereiten.

Ich habe mir folgende Schlüssel-Worte aus den vorherigen Referaten aufgeschrieben, die mir besonders bedeutungsvoll erscheinen: Vertrauen (in die jungen Menschen), Selbstverantwortung. Das ist es, was wir in den Schulen jetzt brauchen und entwickeln, damit starke Menschen in die Wirtschaft hineinwachsen, welche Schritte des Wandels umsetzen können, um gemeinsam Lösungen zu finden für die anstehenden Probleme (siehe Martina Amato). Und hat die Politik ebenso die gleiche Ausrichtung wie die Bildung, (dass es allen Menschen auf der Erde gut geht), dann ist die Zusammenarbeit fruchtbar und kann beschleunigend wirken.

Wir laden heute Nachmittag die Wirtschaft ein, uns «Bildungsmenschen» die Wünsche mitzuteilen, welche sie an die Schulen haben. Welche Fähigkeiten / Softskills / Kompetenzen sollen heute heranwachsende Menschen mitbringen? Was für Menschen braucht es aus den Schulen, damit der Wandel jetzt geschehen kann? 

Es geht nur weiter, wenn wir zusammenarbeiten.